Mit dem Start des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel verwandelt sich das Kulturzentrum in Hamburg erneut in ein Zentrum für zeitgenössischen Tanz und Performancekunst. Eröffnet wird das Festival mit dem Stück „Nôt“ von Marlene Monteiro Freitas, gefolgt von zwei Weltpremieren: „Major“ von Ogemdi Ude und „Autothérapie“ von Mackenzy Bergile. Die Inszenierungen zeigen unterschiedliche Perspektiven auf Erinnerung, Identität und Gemeinschaft – erzählt durch Körper, Bewegung und Klang.
Inhaltsverzeichnis:
- Marlene Monteiro Freitas verbindet Tag und Nacht
- Ogemdi Ude bringt Majorette-Tanz auf die Bühne
- Mackenzy Bergile verarbeitet koloniale Gewalt
- Drei Werke, drei Erzählweisen, ein Raum
Marlene Monteiro Freitas verbindet Tag und Nacht
Die kapverdische Choreografin Marlene Monteiro Freitas zeigt mit „Nôt“ eine kraftvolle Mischung aus Tanz, Live-Musik und Erzählung. Die Bühne im K6 zeigt eine Gitterwand und weiß bezogene Betten. Laut Freitas ein Ort für Schlaf, Traum und Geschichten.
Das Stück ist inspiriert von „Tausendundeine Nacht“. Der Titel „Nôt“ bedeutet im Kreolischen „Nacht“. Im Zentrum steht die Kreisform des Tagesrhythmus – eine Choreografie zwischen Unterbrechung und Kontinuität, Leben und Tod, Wirklichkeit und Traum. Bereits 2018 wurde Freitas mit dem Silbernen Löwen bei der Biennale in Venedig ausgezeichnet. Ihre neue Arbeit fügt sich nahtlos in ihren experimentellen und körperbetonten Stil ein.
Ogemdi Ude bringt Majorette-Tanz auf die Bühne
Mit dem Stück „Major“ bringt die US-amerikanische Künstlerin Ogemdi Ude einen überdrehten, energiegeladenen Majorette-Tanz nach Kampnagel. Sechs Tänzerinnen in Kick-Lines erinnern an Paraden, Footballspiele oder Karnevalstraditionen – aber mit einer tiefen persönlichen Botschaft.
Die Choreografin selbst lernte diesen Tanzstil in ihrer Jugend kennen. „Major“ ist für sie eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln und eine Hommage an schwarze Frauen, die ihr den Tanz beibrachten. Die Bewegung ist dabei eng mit dem Selbstbewusstsein schwarzer Communities in den Südstaaten der USA verbunden.
Im Probenraum herrscht Lebendigkeit: kurze Pausen, gemeinsames Lachen, Schluck Wasser. Ude verortet Majorette neu – als Erzählform schwarzer weiblicher Identität. Das Ensemble zeigt Perfektion, Humor und kollektive Energie. Auch Popstar Beyoncé ließ sich von diesem Stil inspirieren.
Mackenzy Bergile verarbeitet koloniale Gewalt
In einer benachbarten Halle erzählt Mackenzy Bergile mit „Autothérapie“ die Geschichte eines kollektiven Traumas – des Kolonialismus. Der in Paris geborene Tänzer mit haitianischen Wurzeln nutzt seinen Körper als Archiv der Erinnerung.
Sein Solo ist eine konzentrierte Auseinandersetzung mit Schmerz und Heilung. Muskelfasern spannen sich, Bewegungen gehen von impulsivem Zucken zu fließender Leichtigkeit über. Bergile begreift Erinnerung als körperliche Erfahrung – lückenhaft, intensiv, spürbar. Jeder Impuls verweist auf historische Verletzungen, aber auch auf die Möglichkeit der Transformation.
Er nennt das Stück eine „körperliche Erzählung vieler Leben“. Dabei öffnet er, wie er sagt, „einen neuen Raum, um mit den Teilen der Erinnerung zu arbeiten und etwas wirklich Neues zu schaffen“.
Drei Werke, drei Erzählweisen, ein Raum
Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel wird mit „Nôt“, „Major“ und „Autothérapie“ zur Plattform für neue künstlerische Ausdrucksformen. Die Werke zeigen verschiedene Blickwinkel: kreolische Mythen, afroamerikanische Popkultur und postkoloniale Erinnerungskultur.
- Die formale und thematische Vielfalt der Inszenierungen
- Die konsequente Verbindung von Körper, Musik und Erzählung
- Die politische Dimension jeder Arbeit – subtil oder direkt
Mit nur wenigen Metern zwischen den Bühnen wechselt das Publikum zwischen Kulturen, Geschichten und Rhythmen. So entsteht ein lebendiges Experimentierfeld, das Bewegung in jeder Hinsicht zulässt – physisch, emotional und gesellschaftlich.
Quelle: NDR